One day in your life
"One day in your life" - so heißt ein Liedchen von Anastacia.
Es könnte aber auch (fast) die Überschrift zur Regentschaft von Christian als World Heavyweight Champion sein. Denn viel mehr als "one day" war der ehemalige Tag-Team-Champion nicht an der Spitze des SmackDown-Rosters. Am 1. Mai konnte sich Christian den ehemaligen WCW-Titel sichern und ich war schon versucht, einen Lobesartikel auf den Kanadier zu schreiben. Doch zwei Tage später verlor Christian diesen Titel gleich wieder.
Was bitte hat WWE Inc. von einem Zwei-Tages-Champion?
Nun, wenn es hier um Backstagepolitik gegangen wäre, dass z.B. der amtierende Champ sich nicht für den vorgesehenen Champion hinlegen wollte und nun Christian als "Mittelsmann" den Titel weiterreichen sollte, wäre es ja nachvollziehbar gewesen, aber der Titel war nach Edges Rücktritt vakant.
Viel wurde geschrieben, dass der Titelgewinn als Dank und Anerkennung für die geleistete Arbeit von Christian zu verstehen und ein großer Main-Event-Run nie geplant gewesen sei. Das hört sich auf den ersten Blick ganz logisch an, aber scheint doch arg kurzsichtig.
Christian mag nicht der klassische Main Eventer sein, vielleicht hat er auch nicht das Zeug zum Champion, aber er wirft etwas in Waagschale, was Randy Orton nicht mitbringen kann. Er spricht auch "alte" Wrestlingfans an. Als Christian im Team mit Edge in die damalige WWF kam, war Wrestling in seiner absoluten Hochphase. Die Ratings waren fast doppelt so hoch wie heute, der Kampf mit der WCW zwang Vince McMahon zu höchster Kreativität und Qualität. All jene Fans, die damals dabei waren, kennen Christian - und verfolgen dank The Rock und Steve Austin momentan WWE ein wenig. Diese Fans hätte man (weiter) binden können. Randy Orton hingegen kam erst groß auf, als WWE Inc. schon Monopolist war und viele Fans dem Business den Rücken zugekehrt hatten. Er kann die vielen ehemaligen Fans nicht binden, denn diese haben keine Bindung zu ihm. Diese hätte man schaffen können - durch eine vernünftige Fehde Orton vs. Christian, an deren Ende letzter die Fackel und die Fans an Orton weiterreicht.
Was auch immer die Gründe für Christians kurze Regentschaft sind, einen Gefallen hat sich WWE Inc. damit nicht getan.
Rückblick auf Dortmund
Am Freitag war ich in Dortmund, machte doch WWE Inc. mit dem SmackDown-Kader in der dortigen Westfallenhalle einen Zwischenstopp. Nachdem ich mit Magnus schon im November den Kölner Event der damaligen Europa-Tour gesehen haben, war ich nun gespannt, wie es diesmal werden würde.
Ich möchte hier nicht die Ergebnisse auflisten, diese kann man überall im Netzwerk des WeltWeiten Wahnsinns nachlesen. Vielmehr möchte ich ein paar Eindrücke loswerden.
Leere Ränge
Das Parkett, wo die Plätze regulär gut 100 Euro kosten sollten, war gut besetzt, aber die Ränge waren fast schon verwaist. In unserem Block (103) waren deutlich mehr Plätze frei als besetzt, dasselbe Bild zeigte sich in den anderen Rängen. Die "Billig"-Plätze weiter oben waren schon wieder etwas besser gefüllt, aber der Gesamteindruck bleibt: das Interesse scheint nicht so riesig zu sein.
Die Gründe sind sicherlich vielfältig. Natürlich ist die Hochzeit des Wrestling vorbei. Die goldenen 90er wirken nicht mehr nach, das Monopol von WWE Inc. hat seine Spuren hinterlassen. Dazu kommt sicherlich der Fakt, dass dieselben Gesichter erst im November durch Deutschland tourten, so dass eine gewisse Übersättigung eintreten dürfte, die durch den nächsten Punkt verstärkt wird - die Preise. Die günstigsten Karten sollten ca. 40 Euro kosten, für vernünftige Sitzplätze musste man 70 Euro kalkulieren. Will man dann noch zwei Bier trinken und was knabbern, ist man pro Nase schnell 100 Euro los. Gerade das vielfach jugendliche Publikum muss bei solchen Preisen passen.
Solide Action
Man darf bei einer Houseshow natürlich kein Hochgeschwindigkeitswrestling erwarten, wie man es in den TV-Sendungen oder bei PPVs sieht. Dafür sind Houseshows auch nur bedingt da. Es geht um die Interaktion mit den Fans und um die Unterhaltung. Unter diesem Aspekt waren alle Matches wirklich gut und solide, es gab keinen Abfall bei der Matchqualität. Allerdings waren auch nur pro Match nur wenige besondere Momente, nicht selten war das Tempo sogar relativ gering. Das ist verständlich, schließlich möchte ich als Fan auch nicht, dass die Wrestler Superstars sich bei Houseshows verletzen. Daher: solide Action im Ring, die allerdings auch etwas höhepunktarm war.
Verpaßte Gelegenheiten
Fangen wir mit einer guten Nachricht an: WWE Inc. hat in Dortmund nicht dieselbe Show abgeliefert wie am Abend zuvor in München. Zwar war der Grundaufbau gleich, aber man hat ein paar andere Matches und Ausgänge abgeliefert. In der Vergangenheit war das nicht immer so, deshalb erwähne ich das positiv.
Leider fehlt dem jetzigen Tourkader ein wenig die Starpower. Vor ca. einem halben Jahr in Köln hatte man mit Bret Hart und John Cena zwei personelle Highlights anzubieten, die diesmal einfach fehlten. Edge hatte kurz vor der Tour seine aktive Karriere beenden müssen, was die Attraktivität einzuschränken drohte.
Doch Edge war da. Er kam unter großem Jubel raus und hielt eine Abschiedspromo - runtergerasselt, ohne Körpersprache und sichtlich routiniert. Klar: Edge ist kein Ric Flair, aber ich habe auch schon bessere Promos als die von Edge in Dortmund gesehen. Diese Promo hätte richtig viel Atmosphäre erzeugen können, sie hätte der Funken sein können, der ein Feuerwerk der Emotionen entzündet. Doch sie war lustlos, kurz und bedeutungslos.
Und dann fehlte Christian. Magnus hätte wahrscheinlich sein linkes Bein gegeben, wäre sein Favorit Christian der Main-Event-Gegner von Alberto del Rio gewesen, aber er war es nicht. Das ist in zweierlei Hinsicht unverständlich. Zum einen hätte man bei dem dünnen Kader nicht auf jemanden wie Christian verzichten dürfen. Zum anderen hat Christian in den TV-Shows den Main-Event-Part von Edge vorübergehend übernommen, so dass auch die Fans eine gewisse Erwartungshaltung entwickeln. Dass es doch geht, konnten unsere englischen Freunde in Newcastle sehen, wo Christian den Main Event bestritt.
Fazit
Vergleicht man die Shows in Dortmund und Köln miteinander, muss man bei der Showqualität ganz klar den Punktsieg an Köln geben. Sicherlich war die Show in Dortmund auch gut, aber der Novembertermin hatte doch mehr Highlights. Dank Magnus und seiner Tätigkeit als Übersetzer des WWE-Magazins hatten wir Pressekarten, die uns zu Plätzen führten, die wirklich klasse waren. Zwar hatten wir vor uns ein paar Super-Fans sitzen, die sich einen Spaß daraus machten, immer die Heels anzufeuern, aber davon haben wir uns den Abend nicht vermiesen lassen.
Unterm Strich bleibt ein gelungener und schöner Wrestlingabend, dem zur Perfektion die echten Highlights fehlten. Trotzdem immer wieder gern..
Nachvollziehbar
WWE Inc. hat Matt Hardy entlassen.
Überraschend kam das nicht, machten doch Gerüchte über das Heimschicken von Hardy während zweier Houseshows wegen mangelnder Verfassung die Runde. Zudem provozierte Matt Hardy über Twitter etc. seine Entlassung, indem er sich negativ über die Entwicklung bei WWE Inc. äußerte.
Ich glaube, dass beide Seiten gut mit der Entlassung leben können.
Für Matt Hardy, der seit den 90er Jahren Teil von WWE war, dürfte die Stagnation seiner Karriere ein großes Übel gewesen sein. Gemeinsam mit seinem Bruder Jeff startete er im Tag-Team-Bereich, erst als Jobber, dann als Top-Team um die Jahrhundertwende. Doch als das Team dann logischerweise zerbrach, folgte sein Bruder Jeff den Fußstapfen von Bret Hart, Shawn Michaels, Booker T, Edge oder JBL und wurde über eine starke Karriere im Midcard-Segment zum Main Eventer und zum Champion. Selbst sein unsolider Lebenswandel hinderte ihn nicht, bei WWE und TNA erfolgreich zu sein.
Matt hingegen blieb nur die Rolle des Jim Neidhart, des Marty Jannetty, des Stevie Ray, des Christian oder des Farooq (wobei der Vergleich nur bedingt paßt, da Ron Simmons schon Anfang der 90er seinen großen Run in der WCW hatte). Er blieb zwar bei WWE Inc., schaffte es aber selten über die Undercard hinaus. Lediglich die Einbeziehung seiner privaten Probleme mit Lita und Edge verschafften ihm seine große Storyline. Zuletzt mußte Matt Hardy zusehen, wie junge Talente ganz fix an ihm vorbei gepusht wurden, bestenfalls durfte er sich mal für Leute wie Drew McIntyre oder Sheamus hinlegen.
Kurzum: als Matt Hardy hätte ich auch keine Perspektive mehr bei WWE gesehen.
Für WWE Inc. ist die Entlassung eine klare Sache. Man kann sich in der Öffentlichkeit von seinen Angestellten nicht auf der Nase herumtanzen lassen, egal, wie lange er schon im Unternehmen ist.
Und wenn man die Möglichkeiten von Matt Hardy nach seiner Entlassung sieht, dürfte WWE Inc. auch nicht ganz unzufrieden sein. Will er nicht in der Versenkung verschwinden, muss Matt über kurz oder lang bei TNA anheuern, was WWE nur recht sein dürfte. Schließlich würde dadurch der Fokus der TNA-Storylines auf einen ehemaligen WWE-Midcarder liegen, was schon in den Fällen Christian und Mr. Anderson schon in die Hose ging. Zudem brächte die Verpflichtung von Matt Hardy weitere Unruhe in den TNA-Lockerroom, was vielleicht sogar das ein oder andere Talent von TNA weg treibt.
Ich würde Matt Hardy keine großen Hoffnungen machen wollen, dass seine Wrestlingkarriere nach der Entlassung durch WWE Inc. nun einen neuen Schub bekommt. Zwar wird er kurz im Rampenlicht stehen, aber wie Marty Jannetty oder Stevie Ray wird seine Einzelkarriere wenig erfolgreich bleiben.
Degradierung für Christian
Letzte Woche hat WWE Inc. mich mal wieder überrascht.
Damit meine ich nicht die ereignisreiche Großveranstaltung "No Way Out" mit ihren interessanten Ideen wie den Titelwechseln und den daraus resultierenden Wrestlemania-25-Fehden.
Nein, ich meine das unspektakuläre Comeback des Christian bei ECW. So mir nichts, dir nichts wird dieses Pulver bei einer relativ unbedeutenden ECW-Show vor einem PPV verschossen. Statt nun als geheimer Verbündeter in die Edge-Jeff-Hardy-Storyline einzugreifen, wie es vorher kolpotiert wurde, durfte er nun in der C-Show der WWE gegen einen besseren Rookie wie Jack Swagger seine Rückkehr feiern. Das dürfte sich Christian anders vorgestellt haben.
Damals war er ja wegen seiner Perspektivlosigkeit in der Midcard gegangen, um bei TNA zumindest zeitweise im Main Event zu stehen. Dort konnte er gegen Sting, Jeff Jarrett oder Kurt Angle fehden und sich lange an der Spitze halten. Erst im letzten Jahr begann sein TNA-Stern zu sinken. Immerhin hielt er den TNA-Championtitel und wußte durchaus zu überzeugen, wenn es um sein Main-Event-Qualitäten geht.
Doch offenbar hat man sich bei WWE Inc. keine bedeutend andere Meinung zu Christian gebildet. Anders kann man sich kaum erklären, dass kein großer Aufwand um seine Rückkehr betrieben wurde und sie völlig unspektakulär über die Bühne ging. Selbst wenn Christian den ECW-Titel bekommen sollte: ECW ist bessere Undercard. So hart ist die Realität für Christian geworden. Ob er wußte, dass er wieder im Nirgendwo der Card landen würde, als er seinen neuen WWE-Vertrag unterschrieben hat?
Natürlich ist die Degradierung Christians auch ein Signal an alle wechselwilligen TNAler: "Ihr mögt dort ein TNA-Star sein, bei WWE seid ihr ein Nichts."
Schade, dass dieses Exempel an Christian statuiert wurde.
Königliche Gedanken
Einige Gedanken zum noch frischen Royal Rumble 2009:
- Ich hoffe, dass RVDs Rückkehr nicht nur eine einmalige Sache war. Gerade im Hinblick auf die Matcharten bei den nächsten PPVs (Eliminination Chamber, Money in the bank-Match) ist RVDs Wrestlingstil eine Bereicherung für WWE Inc., auch wenn er gestern anfänglich ein wenig Nervosität / Ringrost offenbarte, als ihm bei den Clotheslines zu Beginn seines Auftritts die richtige Distanz fehlte.
- Matt Hardys Turn kam etwas überraschend, ist aber vielleicht eine ganz gute Idee. Ein Brudermatch bei Wrestlemania 25 scheint mir ganz interessant.
- In diesem Zusammenhang ist es genauso überraschend, dass nicht Christian Cage als Gegner von Jeff Hardy in dessen Fehde mit Edge eingriff. Dies war in den Wochen ja überall die gängige Spekulation. Vielleicht wollte Vince McMahon den Internetfans einfach mal wieder ein Schnippchen schlagen. Für mich stellt sich nur die Frage, ob und wie Christian Cage noch für WWE Inc. debütiert.
- Mit Randy Orton als Sieger des Rumbles könnte es durchaus eine spannende Ansetzung zur Wrestlemania geben. John Cena vs. Randy Orton als Main Event würde endgültig einen Generationenwechsel bei WWE Inc. bedeuten.
- Michaels vs. Layfield als Fehde war ja absehbar. Man darf gespannt sein, wie ein Match der beiden etwas angeschlagenen Superstars aussieht.
- Nicht ganz ein Resultat des Rumbles ist die Aussage von Mickey Rourke, er würde bei Wrestlemania 25 gegen Chris Jericho kämpfen. Sogar vom Main Event ist die Rede. Ob ich den Mittfünfziger unbedingt im Ring sehen muss, sehe ich gespalten. Im Film "The Wrestler" möchte ich ihn unbedingt sehen, aber bei der wichtigsten Wrestlingveranstaltung des Jahres sollte er besser eine passive Rolle einnehmen.