Erfolg
Erfolg kann man messen. Genauer: man muss Erfolg messen können, sonst ist es kein Erfolg. Was erst einmal banal klingt, könnte für das amerikanische Wrestling zum Problem werden.
Seit Monaten, wenn man genauer hinschaut sogar seit Jahren, sinken die Ratings der wichtigsten Wrestlingorganisation der USA, Vince McMahons WWE. Inzwischen dümpelt man bei Ratings von 3.0 herum, teilweise hat man diese sogar schon unterschritten. Auf diesem Niveau war man zuletzt (wahrscheinlich, habe es nicht geprüft) Mitte der 90er Jahre. Die PPV-Verkäufe stagnieren nicht mehr, sie sinken real, zumindest, was die "normalen" PPVs angeht.
Dieses Ausbleiben von messbaren Erfolg ist umso ärgerlicher, als dass man WWE Inc. in den letzten Monaten nicht vorwerfen kann, immer wieder dieselben Gesichter auf der Mattscheibe ins rechte Licht zu rücken. CM Punk und Daniel Bryan sind aktuelle Champions, mit Dolph Ziggler, Zack Ryder und einigen anderen hat man die Zukunft des Wrestlings nicht nur im Roster, sondern auch schon in den höheren Regionen der Card. Und trotz frischer Gesichter und der großen Mühe, diese over zu bringen, bleibt der messbare Erfolg aus. Oder gerade deswegen?
Natürlich gibt es genügend Stimmen, die dem momentanen Aushängeschild und Champion CM Punk die Schuld für die Quotenmisere zuschreiben. Und es ist schwierig, dagegen zu argumentieren. Denn trotz durchaus innovativ zu nennenden Ideen zur Förderung von CM Punk bleiben die Erfolge in Form von Ratings und PPV-Käufen aus. Oberflächlich konnte CM Punk die in ihn gesetzten Hoffnungen und Erwartung nicht befriedigen. Aber schauen wir mal genauer hin..
CM Punks Charakter ist ein Gegenkonzept zur bisherigen Strategie. Richtete man über Jahre WWE Inc. mit John Cena als Reinkarnation von Hulk Hogan aus, wirkt CM Punk wie ein Relikt aus der Attitude-Ära. Eine kind- und familiengerechte Ausrichtung im Sinne der 80er - darin muss eine Figur wie CM Punk wie ein Fremdkörper wirken. Irgendwo habe ich in den vergangenen Tagen gelesen, dass bei CM Punk besonders Frauen und Kinder wegschalten. Ein Wunder, verkörpert er doch einen typischen Attitude-Charakter, der vor allem junge Männer ansprechen soll. Dies aber ausschließlich CM Punk anzulasten, ist zu einfach. Denn er hat sich nicht selbst die Chance und den Gürtel gegeben, sondern wurde an diese Stelle gepusht - gegen jede vorherige Ausrichtung.
Wenn man also momentan keinen Erfolg messen kann, liegt es nicht unbedingt an der Qualität des Produkts. Vielmehr ist es eine nicht geradlinige Strategie, die den Erfolg verhindert.
Keine hohen Erwartungen
Nach einiger Zeit der Ruhe möchte ich mal kurz einige Einschätzungen zu den aktuellen Entwicklungen im amerikanischen Mainstream-Wrestling loswerden.
WWE
Triple H als Chef mit Startschwierigkeiten? Verdammt. Das sieht aus, als würden einmal mehr nicht die Wrestler, sondern die Familie McMahon im Mittelpunkt der Main-Event-Geschichte stehen. "Family business" ist zwar eine schöne Sache, aber eigentlich nicht der Grund, warum ich Wrestling schaue. Besonders befürchte ich, dass auch Vince McMahon wieder Teil der wöchentlichen Shows wird.
TNA
Hulk Hogan vs. Sting? Ich kann mich gerade an kein gutes Match der beiden erinnern, schon 1997 war der heißerwartete Showdown der beiden war sowohl im Ring als auch bookingtechnisch eine bittere Enttäuschung. Im Jahr 2011 sind beide weit über 50, Hulk Hogan leidet an kaputten Knien, Rücken und künstlichen Hüften. Wie soll Hogan in seinem Zustand überhaupt einen Bump nehmen? Sting traue ich ja durchaus noch ein ordentliches Match zu, aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die beiden Legenden den wichtigsten PPV des Jahres bereichern können. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: ein paar Käufer werden die beiden schon anziehen.
Übrigens bin ich gespannt, ob TNA bei Bound for Glory den World Title von Kurt Angle tatsächlich an Bobby Roode weitergibt. Logisch wäre es: man hat ein langes Turnier veranstaltet, um ihn zum Herausforderer zu machen. Um diese lange Zeit nicht bedeutungslos werden zu lassen, muss man nach allen Regeln des Bookings Roode den Titel geben. Aber bei TNA laufen Eric Bischoff und Vince Russo herum, da erwarte ich mal lieber kein logisches Booking.
Ihr seht, ich habe momentan keine hohen Erwartungen im Angesicht der aktuellen Entwicklungen.
Hard(y) times
Eigentlich dachte ich in den vergangenen Jahren, dass Jeff der unsolidere der beiden Hardy-Brüder sei. Doch die letzten Wochen haben die Einschätzung ins Wanken gebracht. Zwar ist Jeffs letzter Skandal auch noch nicht so lange her, überhaupt konnte der erfolgreichere Hardy in den letzten Jahren nur bedingt Ruhe ausstrahlen. Doch Matt hat inzwischen drei kurzzeitige Inhaftierungen durch Verstösse im Straßenverkehr hinter sich, zweimal steht das Fahren unter dem Einfluss von Medikamenten, Drogen oder Alkohol zur Debatte. Dazu kommen verstörende YouTube-Videos, die sich als Selbstmordankündigungen verstehen lassen.
Matts Karriere habe ich hier schon einmal nach seiner WWE-Entlassung und bei seinem TNA-Debüt beleuchtet. Es ist schade, dass aus einem soliden Midcarder, der immer im Schatten seines extrovertierten und problembehafteten Bruder stand, eine derart traurige Figur wurde. Über Jahre schien Matt Hardy von außen betrachtet sowas wie ein vorbildlicher Mitarbeiter zu sein, doch die letzten Jahren haben diesen Eindruck nach und nach verwässert, bis in den letzten Wochen dieses Bild in sich zusammenbrach.
Dass TNA nach der ersten Verhaftung Matt Hardy gefeuert hat, spricht natürlich auch Bände. Nicht nur, dass Matts TNA-Karriere ebenso erfolglos war wie seine WWE-Arbeit: die sofortige Entlassung des mehrfachen WWE-Tag-Team-Champions zeugt doch davon, dass Matt schon vorher auf tönernen Füßen bei TNA stand.
Matt hat nun (erst einmal) das gemacht, was ihm als einzige Option blieb, nachdem er bei den beiden einzigen großen US-Wrestlingkonzernen wohl keine Zukunft mehr hat: er hat seine Karriere beendet. Hoffen wir, dass er durch diesen drastischen Schritt sein Leben wieder in den Griff bekommt.
Die Frage nach dem Sinn
Kevin Nash ist zurück bei WWE Inc. Nach seinem Royal-Rumble-Auftritt als Diesel durfte Kevin Nash nun gleich hoch in der Card einsteigen, als er beim SummerSlam CM Punk nach dessen Sieg gegen John Cena angriff und ihn so den Titel gegen Alberto del Rios Cash-In kostete.
Ich verstehe noch nicht so recht, welchen Sinn es haben soll, Kevin Nash in eine Fehde gegen CM Punk zu packen. Diese Auseinandersetzung kostet CM Punk sein wichtiges Momentum, während Nash wertvolle TV- und PPV-Zeit verbraucht. Irgendwo habe ich gelesen, Nash solle CM Punk "over" bringen. Das halte ich für ein schwieriges Unterfangen, denn Kevin Nash ist einer der überbewertesten Wrestler der Geschichte. Seine Fähigkeiten im Ring sind - inzwischen auch auf Grund seines Alters - stark limitiert, sein Willen, andere Wrestler "over" zu bringen, ist absolut undokumentiert, da er es nie gemacht hat. Warum sollte er ausgerechnet in 2011 willens und in der Lage sein, einen Top-Wrestler wie CM Punk beim Publikum "over" zu bringen? Und ob CM Punk das nötig hat, sei mal dahin gestellt.
Zu allem Überfluss sorgte Kevin Nash für viele fragende Gesichter im Publikum. Ein merklicher Anteil des heutigen WWE-Universums kennt Kevin Nash schlicht nicht. Woher auch?
Sein letzter WWE-Run liegt acht Jahre zurück, sein kurzer Auftritt als Diesel beim Rumble war schnell vergessen und unbedeutend. Ohne jede Frage hat Kevin Nash seinen Platz in der Geschichte des Wrestlings, aber dem heutigen Publikum ist er kaum bekannt, vielleicht auch deshalb, weil WWE Inc. die gute, alte WCW-Vergangenheit weitesgehend ausblendet oder nur in der Vintage Collection verwendet. Da Nashs 2002/03er Run eher unbedeutend war, was Verletzungen und äußeren, nicht von Nash verursachten Umständen (z.B. Scott Halls Entlassung, Hogans viel zu schneller Turn) zuzuschreiben ist, kann man kaum auf diese Zeit referenzieren. So bleibt fast nur Nashs Zeit als Diesel aus der Zeit 93-96, was ja nun einmal ein Ewigkeit her ist und von vielen (zu Recht) vergessen oder verdrängt wurde.
Kevin Nash ist also zurück, aber was er in der WWE des Jahres 2011 bewirken soll, weiß ich nicht.
Ein jähes Ende
WWE Inc. hat mit der Storyline um CM Punk einige neue Wege bestritten. Relativ innovativ wurde im Vorfeld mitgeteilt, dass der PPV "Money in the bank" Punks letzter Arbeitstag bei der McMahon-Firma sei. Diese Voraussetzung nutzte man, um mit einem Worked Shoot Aufmerksamkeit zu generieren. Keine schlechte Idee..
Beim PPV schockte man den geneigten Zuschauer, als CM Punk den Titel von John Cena gewann und die Halle durchs Publikum verlassen konnte. Das hätte eine sensationelle Geschichte sein können - der aktuelle WWE-Champion ist "Free Agent". Gut, jedem halbwegs bewanderten Fan war nach dem PPV klar, dass CM Punk weiter bei WWE Inc. beschäftigt sein würde, aber die innovative Idee begeisterte.
Man setzte die Idee fort, indem man CM Punk bei einem Indy-Event auftreten ließ. Und auch bei der Comic Con spielte CM Punk seine Rolle gut und unterbrach eine Frage-und-Antwort-Stunde mit Triple H, um die Geschichte fortzusetzen.
Bis dahin kann man die Geschichte als spannend und interessant bezeichnen, ja, das Wort "innovativ" darf man auch gerne in den Mund nehmen.
Doch dann gab es eine Wende - 8 Tage nach dem PPV "Money in the bank" wurde CM Punk schon wieder als "eingestellt" bei RAW vorgestellt. Triple H - als neuer Boss - hatte laut Storyline CM Punk wieder eingestellt. Also dauerte die Storyline des "arbeitslosen Champion" gerade mal eine gute Woche. Ein etwas jähes Ende für eine außergewöhnliche Storyline, die nun wieder in normale Fahrwasser geraten ist. Der neue Champion John Cena gegen den zurückgekehrten, unbesiegten Champion CM Punk - Razor Ramon gegen Shawn Michaels grüßt aus 1994.
Was war geschehen?
Die Ratings der RAW-Sendung nach "Money in the bank" waren katastrophal, was vielleicht damit zusammenhing, dass man CM Punk nicht weiter erwähnte und vielmehr eine McMahon-Familiendarstellung in den Mittelpunkt rückte. Die PPV-Zahlen waren wohl auch nicht überdurchschnittlich, auch wenn die Kritiken hervorragend waren. Kurzum: so toll die Geschichte um CM Punk hätte sein können, in Zahlen brachte sie keinen Erfolg.
Dafür aber produziert sie Aufwand. Um sie warm zu halten, muss CM Punk in den Medien präsent sein. Bei der Comic Con war es einfach und billig, Material zu generieren, aber was hätte danach kommen sollen? Auftritte in Talkshows und ähnliches sind nicht leicht zu bekommen, da andere Medien sich wahrscheinlich kaum unentgeltlich in eine WWE-Storyline einbinden lassen werden. Das wäre aber zwingend notwendig gewesen, wenn man den Eindruck aufrecht halten wollte, CM Punk als WWE-Outlaw darzustellen.
Und dann bliebe noch ganz profan festzuhalten, dass WWE Inc. als Aktienunternehmen aufpassen muss, nicht den Eindruck bei den Anlegern zu erwecken, dass CM Punk als Champion NICHT unter WWE-Vertrag steht. Es könnte unter Umständen justiziabel sein, wenn WWE Inc. diesen Fakt gegenüber dem Aktienmarkt nicht klarstellt. Spätestens dann aber würde die Storyline aus der Kontrolle der WWE geraten, da nun die Medien darüber berichten würden und der Publicity-Stunt um CM Punk schief gehen würde.
Es ist daher zwar schade, dass die originelle Storyline um CM Punk so früh wieder fallengelassen wurde, aber dieser Schritt ist durchaus verständlich.
Chance vertan!
Vor gut zwei Wochen hat CM Punk bei RAW eine viel beachtete Promo abgehalten, die den Anschein eines echten Shoots bewirken sollte. So griff er Triple H und Vince McMahon verbal an, nannte andere Promotions und wurde am Ende "abgewürgt" und "suspendiert".
Grundsätzlich sind Shoot-Promos ja eine feine Sache und CM Punk hat seine Sache wirklich gut gemacht. Viele der Dinge, die er gesagt hat, sprechen Wrestlingsfans aus dem Herzen und doch..
Und doch war mir viel zu schnell klar, dass die ganze Geschichte "geworkt" ist. CM Punk hat immer wieder Referenzen auf das anstehende Championshipmatch gegen John Cena beim nächsten PPV gemacht, dessen "Push" das Ziel dieser Promo offensichtlich war. Diese Referenzen und die spätere Beleidigung der Zuschauer, um in seiner Heel-Rolle zu bleiben, hätten in einer Shoot-Promo nichts zu suchen gehabt. Wenn er wirklich frei heraus gesprochen hätte, hätte er wohl kaum bis zum PPV bei WWE Inc. bleiben können. Das hätte einem intelligenten Menschen wie CM Punk klar sein müssen, so dass er bei einem echten Shoot wohl kaum ankündigen müsste, den Titel gewinnen zu wollen. Entweder er haut in die Sahne und ist sofort weg vom Fenster, dann braucht er die Unternehmsziele (PPV bewerben) nicht verfolgen. Oder aber er shootet nicht.
Trotzdem hätte dieser "Worked Shoot" funktionieren können, wenn man nicht im Anschluss gleich die nächste Folge aufgenommen hätte, in der die weitere Entwicklung offengelegt wird. Da wird RAW einmal nicht live gesendet und man legt eine derart kontroverse Storyline so blöd, dass man nicht den wöchentlichen Cliffhanger produziert, sondern der geneigte Fan im Internet sofort nachlesen kann, wie die an sich spannende Geschichte weitergeht. Es hätte so einfach sein können, Interesse zu generieren, indem man einfach eine Woche lang die Gerüchteküche brodeln lässt und in der Storyline verbleibt (CM Punk nicht einsetzen, PPV-Match aussetzen). Aber diese Chance hat man dank eines tollen Timings verpaßt.
Schade eigentlich, dass kurz vor seinem vermeintlichen WWE-Abgang noch einmal das ganze Dilemma um CM Punks WWE-Karriere zu Tage tritt. Man setzte ihn kaum vernünftig ein. Und wenn man es doch wollte, hat man es verbockt. Aber das hat CM Punk in seiner vielbeachteten Promo ja gesagt.
One moment in time: 9. November 1997
Montreal Screwjob. 'Nuff said..
Über den Montreal Screwjob ist wahrscheinlich mehr geschrieben worden als über jedes andere Ereignis im Wrestling der letzten 50 Jahre. Angeblich plant WWE Inc. sogar eine DVD zu diesem Thema.
Ich will hier keine Daten herunterleiern oder spekulieren, wer wann was gesagt oder gewußt hat. Das haben schon hunderte vor mir getan. Ich möchte allerdings einen Aspekt hervorheben, der meistens etwas untergeht - der Montreal Screwjob hat der WCW auf dem Höhepunkt ihres Wirkens direkt Schaden zugefügt.
Damit meine ich nicht die Tatsache, dass Vince McMahon nach der Survivor Series 1997 zum absoluten Heel der WWF aufstieg und so mit seiner Fehde gegen Steve Austin die Wende in den Montagskriegen einläutete. Vielmehr störte der Montreal Screwjob die Fokussierung der WCW auf den Event, auf den sie so hervorragend über ein Jahr lang hingearbeitet hatte - Starrcade 97.
Seit der Gründung der nWo hatte Eric Bischoff ruhig und besonnen die Fehde des Stingers gegen das Oberhaupt der nWo, Hollywood Hulk Hogan, aufgebaut. Bei dieser Fehde machte die WCW nichts falsch, man arbeitete zielgerichtet auf Starrcade hin, der Abend, an dem Sting die WCW rächen würde. Es war der vielleicht am besten aufgebaute Event der 90er Jahre, die Fans waren elektrisiert und konnten den größten Showdown der WCW nicht erwarten. Dazu hatte die WCW sich zwischenzeitlich die Dienste von Bret Hart gesichert, so dass man für 1998 ein weiteres Eisen im Feuer hatte.
Doch dann platzt die Bombe in Form des Montreal Screwjobs. Plötzlich gibt es ein Störfeuer, das die allgemeine Aufmerksamkeit von Starrcade weg zur WWF zog. Um die Aufmerksamkeit zurück zu WCW zu lenken, mußte man etwas tun, was man unter anderen Umständen besser vermieden hätte: Bret Hart mußte noch 1997 für die WCW debütieren. Schließlich war der Hitman DAS Thema, so konnte man den Fokus zur WCW zurückholen. Doch der Preis war hoch: so richtig konnte man Bret Hart nicht einsetzen, ohne das Rampenlicht von Sting vs. Hogan zu nehmen, also suchte man verzweifelt nach einer Möglichkeit, Bret Hart unterzubringen. Und wann immer schnelle Entscheidungen zu treffen waren, versagte die WCW: Bret wurde Ringrichter bei Starrcade im Duell Larry Zbysko vs. Eric Bischoff. Wie noch dutzende Male später, hatte man keine guten Ideen für Bret Hart und nutzte sein Talent nicht. Man hatte einen Roster voller Talente, mit denen Hart ein Weltklassematch gezeigt hätte, doch als Referee war er falsch eingesetzt. Wäre man bereit gewesen, ein Stück vom Rampenlicht des (enttäuschenden) Main Events abzugeben, hätte man vielleicht sogar aus der Situation gewinnen können - ein PPV mit dem lang herbeigesehnten Showdown zwischen Sting und Hogan PLUS ein Match des heißesten Wrestlers zu diesem Zeitpunkt. Ich möchte nicht wissen, ob man die sowieso schon hervorragende Buyrate des PPVs nicht hätte noch weiter steigern können.
Und doch war die Situation schwer für die WCW-Verantwortlichen: auf der einen Seite war man gezwungen, das aktuelle Thema Bret Hart aufzugreifen und den Mann schnellstmöglich in die Shows zu holen, um der WWF den Wind aus den Segeln zu nehmen und auch von den Ereignissen des 9. Novembers zu profitieren. Auf der anderen Seite läßt man sich so kurz vor einem von langer Hand aufgebauten PPV ungerne von außen diktieren, wie man sein Produkt gestaltet. Der Fokus war auf Hogan vs. Sting und dort wollte man ihn belassen. Dummerweise konnte man nicht beide Seiten der Medaille bedienen und entschloss sich zu einem Mittelweg, der am Ende keinem half.
Bret Hart war am 28. Dezember 1997 nicht nur Referee beim Zbysko-Sieg, sondern nahm diese Rolle auch im Main Event wieder auf, wo er tatsächlich eine Art Screwjob an Hogan durchführte. Anstatt also den wichtigsten PPV des Jahres mit einem klaren Fehdenabschluss zu beenden, orientierte man sich an den WWF-Ereignissen des Vormonats und machte sie nach. Wie so häufig definierte Eric Bischoff sich und sein Produkt über den Wettbewerber, was im Grunde die hervorragende Vorarbeit ad absurdum führte. Man hätte es so einfach haben können, hätte man Sting einen klaren Sieg einfahren lassen und hätte beim ersten Nitro 1998 Bret Hart präsentiert. Oder hätte man die kurz danach schnell geschossene Fehde von Hart gegen Flair noch in den Starrcade-PPV gebracht. Die WCW hatte es Ende 1997 kein bißchen nötig, Seitenhiebe an die WWF zu verteilen oder sie nachzumachen. Und doch stellte man seine eigenen Stärken zurück, um auf Ereignisse bei der WWF zu reagieren, was im Angesicht des damaligen Erfolgs der WCW unangebracht war.
Und so kann man die Historie der WCW-Reaktion auf den Montreal Screwjob umreißen: Starrcade 1997 war ein Erfolg in allen meßbaren Bereichen, doch läutete das enttäuschende Ende des Main Events mit seiner Montreal-Kopie langsam die Wende zum Negativen ein. Bret Harts zu schnelles und undurchdachtes Debüt bestimmte den weiteren Verlauf seiner WCW-Karriere, bis zum Karriereende 2000 schien man nie so richtig zu wissen, wie man einen fünfmaligen WWF-Champion einsetzt.
Der Montreal Screwjob brachte die WCW aus der Spur - nicht indirekt durch die Ereignisse in der WWF, sondern der eigene Umgang der WCW mit Bret Hart und dem Thema ließ die WCW von ihrem klaren Weg auf den Höhepunkt ihrer besten Fehde stolpern. Ein Stolpern, von dem man sich nie wieder erholte..
Action Soap Opera?! What the F..?
Get the F out!
So lautete vor einigen Jahren eine Kampagne der damaligen World Wrestling Federation, die mit ihrer Abkürzung WWF den Naturschützern ein Dorn im Auge war und daher ihren Namen in World Wrestling Entertainment ändert. Und abgekürzt wurde der neue Name logischerweise WWE.
In diesen Tagen passieren nun sonderbare Dinge: WWE möchte nicht mehr mit "Wrestling" assoziiert werden und hat für seine Angestellten, Subunternehmen und Dienstleister eine Sprachregelung herausgegeben, nach der Worte wie "Wrestling", "Catchen" oder "Fight" tabu sind. "Wrestler" gibt es auch nicht mehr, es soll gefälligst "WWE Superstar" oder "Athlete" heißen. Man bietet statt Wrestling eine "Action Soap Opera" bzw. natürlich "Sports Entertainment".
Diesmal gab es keinen äußeren Druck zu dieser Veränderung, WWE Inc. hat sich freiwillig entschieden, "Wrestling" zu verbannen. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: die Aktionen im Ring sind weiterhin Wrestling, es heißt allerdings nicht mehr so. Das ganze geht soweit, dass Bret Harts Rede bei "Tough Enough", einer Art Castingshow, bei der Nachwuchs-WrestlerSuperstars gesucht werden, ausgepiept wurde, weil er "Wrestling" und "Wrestler" in den Mund nahm. Das hat schon absurde Züge.
Klar, eine Idee hinter diesem Zug ist, die Hemmschwelle für neue Fans zu verringern und im Gegenzug leichter Zugang zum medialen Mainstream zu finden. Jeder, der schon einmal erzählt hat, dass er "Wrestling" mag, kennt die seltsamen Blicken, die zwischen mitleidig und verachtend auf einem liegen. Wrestling hat in vielerlei Hinsicht einen schlechten Stand. Sicherlich wird man gerade in den USA sich Gedanken über die Jugendschutz-Ausrichtung und die politische Akzeptanz von Wrestling gemacht haben, um nun sich davon zu distanzieren. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder schlechte und schlimme Schlagzeilen rund ums Wrestling, denen man so vielleicht ausweichen kann.
Was soll das?
Ich will nicht mit Traditionen, Wurzeln und Ursprüngen gegen diese Entscheidung argumentieren. So wichtig die Vergangenheit auch ist, WWE Inc. ist ein modernes Unternehmen, das im Hier und Jetzt seine Aktionäre befriedigen muss. Und doch sehe ich viele Nachteile in diesem Schritt. Offensichtlich ist doch folgendes: WWE wird mit Wrestling assoziiert wie kein anderes Unternehmen. Noch ergibt eine Google-Suche nach "wrestling" wwe.com als erstes Resultat (wobei auf wwe.com zumindest im Quelltext noch genügend "wrestling" zu finden ist). In den Köpfen vieler Fans weltweit steht WWE Inc. nicht für Filme oder "Action Soap Opera", sondern für unterhaltsame Wrestlingshows. Diese Verbindung durch verbales Herumgeeiere zu gefährden, scheint mir nicht schlüssig.
Dazu kommen rein praktische Erwägungen. Die TV-Shows von WWE Inc. mag man durchaus als "Action Soap Opera" sehen, da der erzählende Anteil deutlich größer ist als die Ringzeit, aber was ist mit den House Shows?? Dort wird Wrestling pur angeboten - Match nach Match werden die Fans zwei bis drei Stunden unterhalten, von Seifenoper ist da nichts oder nur wenig zu spüren. Da entsteht ein Spagat, wenn man auf der einen Seite kein "Wrestling" mehr anbieten möchte, aber den gut zahlenden Fans in den Hallen genau das anbietet.
Chance?
Natürlich könnte sich für das Unternehmen WWE Inc. eine Chance bieten. Schafft man es, parallel zu den verbalen Umstellungen auch neue, mit dem bisherigen Angebot vernetzte Angebote wie Serien mit "WWE Superstars", Filme, Musik oder TV-Shows anzubieten, sprich, mit demselben Personal offensiv in anderen Unterhaltungsbereiche einzudringen, kann es vielleicht hilfreich sein, sich nicht auf eine Ecke, die nicht immer gern gesehen ist, festgelegt zu sein. Auf lange Sicht könnte man sogar über eine Verschiebung des Kerngeschäfts nachdenken. Mehr Standbeine sind für ein Aktienunternehmen sicherlich hilfreich, egal, wie ich diese Entscheidung als Wrestlingfan sehe.
Ob man irgendwann auch konsequenterweise "Wrestlemania" umbenennen wird?
Rückblick auf Dortmund
Am Freitag war ich in Dortmund, machte doch WWE Inc. mit dem SmackDown-Kader in der dortigen Westfallenhalle einen Zwischenstopp. Nachdem ich mit Magnus schon im November den Kölner Event der damaligen Europa-Tour gesehen haben, war ich nun gespannt, wie es diesmal werden würde.
Ich möchte hier nicht die Ergebnisse auflisten, diese kann man überall im Netzwerk des WeltWeiten Wahnsinns nachlesen. Vielmehr möchte ich ein paar Eindrücke loswerden.
Leere Ränge
Das Parkett, wo die Plätze regulär gut 100 Euro kosten sollten, war gut besetzt, aber die Ränge waren fast schon verwaist. In unserem Block (103) waren deutlich mehr Plätze frei als besetzt, dasselbe Bild zeigte sich in den anderen Rängen. Die "Billig"-Plätze weiter oben waren schon wieder etwas besser gefüllt, aber der Gesamteindruck bleibt: das Interesse scheint nicht so riesig zu sein.
Die Gründe sind sicherlich vielfältig. Natürlich ist die Hochzeit des Wrestling vorbei. Die goldenen 90er wirken nicht mehr nach, das Monopol von WWE Inc. hat seine Spuren hinterlassen. Dazu kommt sicherlich der Fakt, dass dieselben Gesichter erst im November durch Deutschland tourten, so dass eine gewisse Übersättigung eintreten dürfte, die durch den nächsten Punkt verstärkt wird - die Preise. Die günstigsten Karten sollten ca. 40 Euro kosten, für vernünftige Sitzplätze musste man 70 Euro kalkulieren. Will man dann noch zwei Bier trinken und was knabbern, ist man pro Nase schnell 100 Euro los. Gerade das vielfach jugendliche Publikum muss bei solchen Preisen passen.
Solide Action
Man darf bei einer Houseshow natürlich kein Hochgeschwindigkeitswrestling erwarten, wie man es in den TV-Sendungen oder bei PPVs sieht. Dafür sind Houseshows auch nur bedingt da. Es geht um die Interaktion mit den Fans und um die Unterhaltung. Unter diesem Aspekt waren alle Matches wirklich gut und solide, es gab keinen Abfall bei der Matchqualität. Allerdings waren auch nur pro Match nur wenige besondere Momente, nicht selten war das Tempo sogar relativ gering. Das ist verständlich, schließlich möchte ich als Fan auch nicht, dass die Wrestler Superstars sich bei Houseshows verletzen. Daher: solide Action im Ring, die allerdings auch etwas höhepunktarm war.
Verpaßte Gelegenheiten
Fangen wir mit einer guten Nachricht an: WWE Inc. hat in Dortmund nicht dieselbe Show abgeliefert wie am Abend zuvor in München. Zwar war der Grundaufbau gleich, aber man hat ein paar andere Matches und Ausgänge abgeliefert. In der Vergangenheit war das nicht immer so, deshalb erwähne ich das positiv.
Leider fehlt dem jetzigen Tourkader ein wenig die Starpower. Vor ca. einem halben Jahr in Köln hatte man mit Bret Hart und John Cena zwei personelle Highlights anzubieten, die diesmal einfach fehlten. Edge hatte kurz vor der Tour seine aktive Karriere beenden müssen, was die Attraktivität einzuschränken drohte.
Doch Edge war da. Er kam unter großem Jubel raus und hielt eine Abschiedspromo - runtergerasselt, ohne Körpersprache und sichtlich routiniert. Klar: Edge ist kein Ric Flair, aber ich habe auch schon bessere Promos als die von Edge in Dortmund gesehen. Diese Promo hätte richtig viel Atmosphäre erzeugen können, sie hätte der Funken sein können, der ein Feuerwerk der Emotionen entzündet. Doch sie war lustlos, kurz und bedeutungslos.
Und dann fehlte Christian. Magnus hätte wahrscheinlich sein linkes Bein gegeben, wäre sein Favorit Christian der Main-Event-Gegner von Alberto del Rio gewesen, aber er war es nicht. Das ist in zweierlei Hinsicht unverständlich. Zum einen hätte man bei dem dünnen Kader nicht auf jemanden wie Christian verzichten dürfen. Zum anderen hat Christian in den TV-Shows den Main-Event-Part von Edge vorübergehend übernommen, so dass auch die Fans eine gewisse Erwartungshaltung entwickeln. Dass es doch geht, konnten unsere englischen Freunde in Newcastle sehen, wo Christian den Main Event bestritt.
Fazit
Vergleicht man die Shows in Dortmund und Köln miteinander, muss man bei der Showqualität ganz klar den Punktsieg an Köln geben. Sicherlich war die Show in Dortmund auch gut, aber der Novembertermin hatte doch mehr Highlights. Dank Magnus und seiner Tätigkeit als Übersetzer des WWE-Magazins hatten wir Pressekarten, die uns zu Plätzen führten, die wirklich klasse waren. Zwar hatten wir vor uns ein paar Super-Fans sitzen, die sich einen Spaß daraus machten, immer die Heels anzufeuern, aber davon haben wir uns den Abend nicht vermiesen lassen.
Unterm Strich bleibt ein gelungener und schöner Wrestlingabend, dem zur Perfektion die echten Highlights fehlten. Trotzdem immer wieder gern..
Gute Nachrichten, schlechte Nachrichten
Fangen wir mit den schlechten Nachrichten an:
Scott Halls Schicksal erinnert mich gefährlich an den Film "The Wrestler". Die Szenen von der Indy-Show vor einigen Tagen sind auf jeden Fall erschreckend.
Die zweite Nachricht ist ebenso traurig. Edge hat die Stiefel an den Nagel gehangen. Seinen schweren Verletzungen musste der Rated R Superstar nun Tribut zollen. Nach seinem Wrestlemania-Erfolg unterzog sich Edge entsprechenden Untersuchungen, die ergaben, dass seine Schädigungen so schwer seien, dass dauerhafte Schäden und sogar der Tod als Risiko im Raum standen. Verständlicherweise hat Edge sich für die Beendigung seiner illustren Karriere entschieden. Das ist sehr schade, leitet aber zur guten Nachricht über.
Eigentlich sollte Edge die Europa-Tour des SmackDown!-Rosters headlinen, was ja nun wohl flach fällt. Trotzdem - und jetzt kommt die gute Nachricht - freue ich mich darauf, am Freitag in Dortmund wieder die WWE-Superstars live zu erleben. Dank dem treuen Leser Magnus, mit dem ich im vergangenen Herbst schon in Köln war, habe ich die Gelegenheit, die tolle Atmosphäre bei einer WWE-Show zu geniessen. Trotz des Wermutstropfen "Edge" wird das bestimmt klasse.
Wer mag, wird bei Twitter oder Facebook sicherlich einige Eindrücke von der Houseshow in Dortmund finden können.